Balkonleben.

„Walter [Namen von der Redaktion geändert], nimm dei Händi mit!“ – Montag morgen, 9 Uhr, auf meinem Balkon. Die Stadt ist wach. Die meisten haben bereits fluchtartig das Haus verlassen, um zur Arbeit zu eilen. Auch ich muss gleich los, noch kurz tonnenweise Bücher zur Bibliothek bringen und dann zu einem „Meeting“. Zwei Etagen unter mir räumt eine Rentnerin auf ihrem Balkon die Wäsche beiseite. An ihrem Rockzipfel ein kleiner, quängelnder Junge, vielleicht 4 Jahre alt. Seine Mutter hat ihn – ein allmorgendliches Ritual – hier abgeliefert. Der Opa des Kleinen bringt ihn gleich zum Kindergarten, nur fünf Häuser weiter. Wundervolles Großstadtidyll?! – Oder vielleicht doch eher eine bedenklich traditionelle Rollenverteilung?!

Als ich im November eine Wohnung suchte, war mein wichtigstes Kriterium: ein Balkon. Und es war garnicht so leicht. Im Gebiet der „Metropolregion Rhein-Neckar“ ist die sogenannte „Wohnungsnot“ schließlich auch angekommen. Heidelberg ist bei dem stetigen Zuzug von Studenten quasi „dicht“. Also bin ich nach Mannheim ausgewichen. Was sich anbot, da ich abwechselnd in Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen an meinen Projekten arbeite. Und ich fand meinen Balkon – mit einer passenden Wohnung gleich dazu. Auch wenn es viel Zeit und Initiative in Anspruch nahm. Mein Balkon befindet sich im dritten Stock eines Vielparteienhauses. Zunächst fand ich es befremdlich, eine Balkonbesitzerin unter vielen an dieser Hauswand zu sein. Ich fühlte mich geradezu beobachtet. Aber ich wusste: ich gewöhne mich dran. Die Rahmenbedingungen (Lage zum Innenhof; Ausblick auf zwei große Bäume) stimmen. Und seit ich das getan habe, sitze ich gerne draußen und lausche, was um mich herum geschieht. Soziologische Milieustudien in den Sonnenpausen. Es ist interessant, wie unterschiedlich die Leute ihren „Freilauf“ nutzen.

Schräg unter mir, zwei Etagen tiefer, wohnt das eingangs erwähnte, ältere Ehepaar. Liebende Großeltern, die ihre Enkelkinder tagtäglich versorgen. („Bitte nicht vor 15 Uhr klingeln, die Kinder schlafen doch mittags!“) Der Balkon dient hier als überladene Abstellkammer. Schränke, stetig bestückte Wäscheleinen, Getränkekisten und diverse andere Dinge, die man eben mal beiseite stellt und aus Dekorationsgründen nicht im Wohnzimmer deponiert, beherrschen das Bild. Dazwischen – etwas erdrückt – ein Vogelhäuschen und ein paar bepflanzte Blumentöpfe auf dem Geländer. Manchmal sitzt meine Nachbarin draußen. Ich bin immer erstaunt, dass sie noch einen Platz findet, um Kreuzworträtsel zu lösen.

Mein Wohnhaus umfasst fünf Etagen. Meine ist die dritte. Und alle haben Balkone – manche zur Straße, manche zum Innenhof. Wie die Hühner auf der Stange, wenn man das so sagen kann. Aber ich mag es trotzdem. Ich geniesse es endlich einen Platz an der freien Luft mein Eigen zu nennen. In meinem Hör- und Sichtbereich hat das junge Paar schräg über mir gestern abend seine Mitterlalterkluft auf die Wäscheleine gehängt. Rollenspieler, schätze ich. Und der Herr ist leidenschaftlicher Fleischbruzzler auf dem heimischen Grill. – Direkt neben mir, nur durch eine metallene Stellwand getrennt, räumt meine direkte Nachbarin gegen Abend traditionell hörbar in der Küche herum. Ich habe mal heimlich um die Wand gelugt: der Balkon ist relativ überschaubar in seiner Gestaltung – ein, zwei Blumenkästen und ein paar Sitzmöbel. Aus der Wohnung dröhnt eher der Fernseher, als das ich die beiden Wohnungsbesucher auf dem Balkon plauschen höre. – Unter mir auf dem Balkon stehen zwei Farbeimer. Renovierungsarbeiten? Um ehrlich zu sein stehen diese Farbeimer schon seit Monaten da. Der Balkon sieht trist, dreckig und verstaubt aus. Er ist verweist. Sein Besitzer hat ein Luxusproblem: Er hat einen Balkon, den er garnicht nicht nutzen will. Nichtmal einen Stuhl gibt es dort. – Schräg unter mir jedoch, in Nachbarschaft zu dem verwaisten Balkon, sitzt abends des Öfteren ein Pärchen mittleren Alters. Junge Eltern. Der Mann war den Tag über arbeiten, die Frau kümmert sich um das Krabbelbaby. (Schon wieder dieser Anflug von Großstadtidyll…) Und das Baby, das krabbelt und schreit den tagüber – und manchmal darf es auf dem Balkon in einer „Bütt“ (wie die Rheinländerin sagt) baden  – und dann kichert es auch mal hysterisch …

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